Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: Annette van den Bergh (Freie Autorin, Texterin und Journalistin)

Mittwoch, 26. Juli 2017

Rich makes poor...

...und poor makes rich...: 

"Oh Fortuna velut luna statu variabilis!" (Carmina Burana)


Ein ruhiges "Dorf". Mitten in Neukölln/Berlin. Pferdekutschen, Huf-Getrappel, Pferde-Mist, alte Bäume, Wilhelminismus in der giebelreichen Fassade possierlicher Altbauten, Grün:
Das ist Rixdorf und der Richardplatz, in dem "unser" Haus steht. 

Das sind (in einem Teil unserer Vielheit a la Precht) WIR, die Paganini´s-Redaktion.



Alle Rixdorf-Fotos@Paganini´s


Mit dem Beginn der Gentrifizierung Neuköllns zogen wir Ende 2006 ein, nun sind wir Hier.
Wir genießen es. Wir nerven uns damit herum. Wir spüren das Aufziehen immer neuer Spannungen. Wir leben damit. Nein, wir sagen nicht: Wie ruhig ist es hier einmal gewesen.

Es ist noch immer ziemlich ruhig. Auf den Hörsinn bezogen. Es  ist nur nicht mehr homogen. Und das hat viele Vorteile. Und manchen Nachteil. Vorrangig den einen Nachteil, dass die Spannungen zwischen dem Differenten stärker spürbar und sichtbar werden.






Und es gibt eben Tage, an denen wir der wachsenden Spannung in der Welt und in der immer noch wachsenden WELT-Metropole Berlin, gerne für eine Weile aus dem Weg gehen würden.
Das allerdings ist nicht möglich!

Als wir nach Rixdorf gezogen sind, lockte uns die geräumige Altbau-Wohnung mit Stuck und abgezogenen Dielen, das "Idyll" des dörlich-kleinbürgerlichen Miteinanders und -natürlich- der Mietpreis. 
Alles hier hatte seinen festen Platz. Der Bäcker, der Tante-Emma-Laden, die kleine Kapelle nebenan, aus der am Sonntag-Vormittag die Gesänge der Gemeinde-Mitglieder zu unserem Küchenfenster hinauf wehen. 
Ziemlich wüst endete jedes Mal (und verändert sich auch jetzt noch) der Charakter dieses Wohn-Gefühls durch das Überqueren der nahe gelegenen Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee: Döner-Buden, türkische Männer-Cafe´s, Geiz-ist-Geil-Läden und Woolworth-Filialen reihten sich hier aneinander.

Dazwischen die Altberliner Eck-Kneipen mit Billiard und Dart oder Flipper an der Wand. 
Umso verwunschener erschien -die immer schon große Pracht- des Saalbaus mit dem goldenen Cafe Rix.

Hier saßen die, die es aus anderen, verwöhnteren Bezirken der Stadt nach Neukölln verschlagen hatte.






Inzwischen ist das fest abgegrenzte und sehr friedliche Miteinander, nicht zuletzt durch ratternden Baustellen-Lärm, dauergestört. Auch die Karl-Marx-Straße wird von Amts wegen aufgemöbelt.
Die Anstrengungen der Gentrifizierung breiten sich also aus.

Begonnen haben sie allerdings im Kern. Im echten Rixdorf. Das sich langsam dem (mittlerweile hippen) Kreuzkölln anzugleichen beginnt.

Das Haus, in dem wir nun seit 10 Jahren leben, hat seither zum dritten Mal den Besitzer gewechselt. Mit jedem Wechsel wurde ein wenig saniert, stiegen natürlich auch Mietpreis und Nebenkosten. In der Laden-Wohnung des Hauses, die lange mit dauergeschlossenen Fensterläden als Lager-Raum diente, fand erst ein Bio-Laden seine Heimat. Und inzwischen ist sie zu einem, tatsächlich bezaubernden, Cafe verwandelt, das "Zuckerbaby" heißt.

Hier sitzen nun die Neuankömmlinge beisammen, die es in den letzten Jahren in die sanierten Wohnungen zog. Wir sitzen auch gerne dort. Aber wir kommen nicht umhin, die zunehmend angstvolle Stimmung wahrzunehmen, die aus dem Gefühl des Bedrohtseins entsteht.





  
So mancher Pachtvertrag wird nicht mehr verlängert. In jeder unbebauten Lücke des Bezirks steht ein Bauzaun, bald danach der Bau-Kran und dann ein ganzes, neues Haus-Gerüst:

"HIER ENTSTEHEN EIGENTUMSWOHNUNGEN!"
So steht es dann auf, in die Erde gerammten, Info-Tafeln.

Was dem Einen die "Info-Tafel" vor der Großprojekt-Baustelle, ist dem Anderen die Häuserwand:

 "RICH MAKES POOR!" ist da zu lesen, "YUPPIEH-SCHWEINE RAUS AUS NEUKÖLLN!" und Ähnliches.







Pamphlet mischt sich mit sachlich anmutenden Fragen.
Auch Philosophisches findet Raum.

Die Altberliner Kneipen schwinden und sind mittlerweile in der Unterzahl.





Die Richardstraße ist in der festen Hand (überaus höflicher und wohlerzogener!) junger Studierender, deren gutsituierte Eltern sie (aus den elterlichen Wohnstuben in Prenzlauer Berg) mit gutem Gewissen in den ehemals eher verpönten Bezirk entlassen (und eingemietet) haben.

Inzwischen haben wir die Qual der Wahl, wenn es um die Frage geht, wo wir abends etwas Essen gehen wollen. Das Cafe Rix ist lange nicht mehr die einzig denkbare Anlaufstelle.
In Rixdorf gibt es Bio, gibt es Vegan und gibt es Feinkost, dazu Pizzerien namens "Bohemia" und feinsinnig durchdachte Küche wie im schicken "Hallmann&Klee".





Noch warten geschlossene Läden im Dornröschenschlaf darauf, dass sie wach geküsst werden. 
Sie werden sich im Spiegel ihrer Kundschaft und Betreiber selbst nicht mehr wieder erkennen können.

Irgendwann werden auch die besagten Eltern aus Prenzlauer Berg sich in Rixdorf eingekauft haben.
Die GENTRIFIZIERUNG muss dann weiter suchen, nach einem neuen Kiez, den sie verschönern darf.
Bis dahin gilt es die Spannung auszuhalten, die eine jede Umbruch-Situation mit sich bringt.
Und die Frage:
"Wie endet die Gentrifizierung in Rixdorf eines Tages für uns?"

Denn wir wissen seit langem: 

"Oh Fortuna velut luna statu variabilis!" 




Montag, 17. Juli 2017

Der wunderbare Zeppelin

...startet in der Berliner Schaubühne...


mit Herbert Fritsch als Pilot!

 




Paganini, der Kater, in der Redaktionskonferenz:

Na schaut´s ihr mal, da schaut mal hin.
Der Herr Fritsch. In der Schaubühne. Beim Ostermeier.
Ja, da machen´s jetzt ein Fass auf. Ein bayerisches. Oktoberfest.

Obwohl, die Premiere ist ja schon September.
Da machen´s trotzdem  ein Fest draus. Ein Riesiges.

Gegen den Feind. Den Oarsch. Wie´s heißt, bei Denen...

Ja, ich freu mich da. Mei...so guat...so eine Gaudi...da kann er die Sau rauslassa...kann er die...

Für uns, die Schaubühne und die Berliner.

Mei, das ist eine Gaudi!
Mei...

Und ein großes, ungewohnt "bayerisches" Schnurren breitet sich aus, in den Räumen der Paganini´s-Redaktion...









Samstag, 15. Juli 2017

Der wunderbare Bachmann-Preis...

...der nahezu JEDEM auf die Nerven geht und dennoch irgendwie
sinnstiftend ist:


The winner in 2017 is Ferdinand Schmalz...


foto@cc


...und Ferdinand Schmalz, nochmals Schmalz, dann John Wray und schließlich Eckhart Nickels...!


Ja, die hätten den Preis nicht nötig, doch sie können ihn dennoch gut gebrauchen und der Rest ist Schweigen...


"14 Texte wurden diesmal verlesen. Mehr als drei hätten es nicht sein müssen. Bilanz eines Desasters." ( www.welt.de/kultur/literarischewelt/article166446946/Das-muss-man-lesen-Da-merkt-man-was-Literatur-koennte.htm)l

Die Paganini´s sehen das anders. 


Immerhin drei Texte waren für den Preis denkbar und 2 wirklich 
großartig, 

Dass diese Preisträger den Bachmann-Preis zum Ruhm nicht notwendig brauchen, ist etwas Anderes.

Aber dass 2 wirklich grenzüberschreitend, grandiose Texte dabei gewesen sind, ist eher eine erfreuliche Ausnahme als ein Grund zum Rumnölen.

1 Großer pro Jahr ist besser als 14 gute Texte.


Und in diesem Jahr waren es immerhin 2einhalb!







Die Texte der Herren gibt es zum Nachlesen auf:
http://bachmannpreis.orf.at/stories/2843791/

Sonntag, 2. Juli 2017

Das wunderbare Wort zum Sonntag...

... (sehr human, denn Niemend hat etwas gegen Irgendwen...) und einfach richtig schön...:


Regisseur Herbert Fritsch mit einem deutlichen Kommentar zur Berliner Kulturpolitik...





...Ach, wie schön ist es, ein Mensch zu sein und Theater zu spielen, als Mensch und als Theater-Macher...!





Einen wunderschönen, Berliner Sonntag wünschen die Paganini´s!

Es gilt weiterhin: Pause der Paganini´s-Redaktion bis Ende Juli!

Dienstag, 30. Mai 2017

Das wunderbare Pausenbrot...

...und das wunderbare Wort zum Sonntag (diesmal schon am Freitag)...


Der grandiose Jonas Burgert in einem Interview zu seiner Ausstellung ZAITLAICH,
schwerelos zu schwersten Themen,
die da heißen:

"Wir wissen Alle, dass das ein Baum ist, aber wir wissen nicht, was ein Baum ist..."



Foto@CC

Bei Jonas Burgert empfinden wir, die Paganini´s-Redaktion,  immer dieses gewisse Etwas, 
das der Kunst die "Immanenz von" und den "Vorrang vor Religion, Metaphysik, Esoterik und Philosophie" einhaucht. 

Ein sehr starker, energetischer Künstler, der große Fragen stellt, wobei die Antworten Fragen bleiben...


Samstag, 20. Mai 2017

Mit dem Ende des TT 2017...

...gehen auch die Paganini´s (wegen diverser Projekte) in eine Pause, die vermutlich bis Ende Juli dauern wird...!


Zur TheaterTreffen-Nachlese empfehlen wir TV

Haus der Berliner Festspiele@Paganini´s




Ihnen Allen bis dahin eine schöne, sonnige Zeit!

Übrigens:

Das besondere Sensorium der Kunst-Schaffenden bezüglich Psyche von Individuum und Gesellschaft erkannte schon Freud, explizit in Betrachtung von Arthur Schnitzler:

"„Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Kenntnis nehmen konnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben, und endlich kam ich dazu, den Dichter zu beneiden, den ich sonst bewundert. So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“ 
(Sigmund Freud in:  Erwin Ringel: Die österreichische Seele. 13. Auflage. Europa Verlag, Hamburg/ Wien 2001, ISBN 3-203-81506-0, S. 76.)

Dienstag, 16. Mai 2017

NOCH ZU WARTEN...

...IST WAHNSINN...




Foto@Paganini´s





Ermattet von Alltag und beruflichem Tun, dennoch minimal aufgehübscht und angetan mit Attributen
der Kunst-Interessierten (mit anderen Worten: Schwarz dominiert die Farbe der Kleidung), quälen wir uns durch Rixdorfer Treiben in Richtung U-Bahn, was diesmal gar kein leichtes Unterfangen ist, denn eine sehr kleine Demo - Frieden und Freiheit für Pakistan - und ein Groß-Aufgebot an Polizei, lässt den backsteingepflasterten Weg so holperig und verschlungen erscheinen, wie es das hölzerne Labyrinth vor dem TheaterTreffen-Palast 2017 nicht zu sein vermag. 
Doch eben Dieses gilt es zu erreichen! 
Schwülwarm die Temperatur, diesig und grau der Berliner Himmel, erreichen wir die ebenfalls von Polizisten bewachte U-Bahn-Station Karl-Marx-Straße und verschwinden im Tunnel des Neuköllner Untergrunds. "Wegen eines Polizei-Einsatzes kommt es zu unregelmäßigem Bahn-Verkehr" steht als Fließtext zu lesen. Das erstaunt uns nicht, lesen wir das doch nahezu täglich, seit einigen Monaten, in allen von uns zu betretenden U- und S-Bahnhöfen der Region. Nein, wir nehmen es locker und nicht persönlich. Wir sind Berlin. Die dritte U-Bahn, die anrollt, darf tatsächlich bestiegen werden, gerammelt voll mit buntem Leben, Multi-Kulti ist natürlich Kult - wir sind total politisch korrekt - aber die Fülle, die ist halt doch mehr Multi als Kulti, also eigentlich passen wir da gar nicht mehr rein, in den Waggon. 
Wir sind Berlin und wir sind in der Großstadt, unser tägliches Leben, es ist eben so. 
Und ab rollt der Zug, umsteigen "Berliner Straße" und aussteigen "Spichernstraße". 
Nach fünfzig Minuten Stehen, auf gefühlten 5cm-Privatsphäre-Radius, atmen wir auf. 
Kultur, Großstadt-Kultur, liegt in der Luft! Das jedenfalls imaginieren wir! 
Unser Blick schweift über die gekachelten Wände des endlos erscheinenden Bahnhof-Ganges und bleibt hängen:

NOCH ZU WARTEN IST WAHNSINN

steht da riesenhaft auf einem weißen Plakat in schwarzen Lettern und mit rotem TT-Emblem.

"Ach, wie spannend", denken wir, denn wir sind wohlgemut unterwegs, die Anfahrt muss sich lohnen und wir haben nichts Geringes vor. Nein, nichts Geringeres als die Teilhabe an einer Diskussions-Runde mit dem Titel "Was ist Demokratie" und da wir sie täglich zu leben glauben, ihr aber ebenso täglich eine Krise droht, haben wir uns für solch ein Gespräch, das einer jeden POLIS zu Ehren gereicht, mit freiem Geist und gutem Gewissen entschieden. 
Doch zunächst zupft uns die Zukunft am schwarzen Ärmel: FutureLeaks schickt einen Abgesandten, um uns hineinzulocken, in das Zelt des "Mondiale-Projekt" der Berliner Festspiele und der UdK. 
Oh, nein, darauf fallen wir nicht herein, wir sind vorgewarnt, darüber haben wir in nachtkritik.de gelesen, Mitmachtheater oder so ähnlich, nein, nichts für uns. 
Puh, der Herr lässt gnädig locker und uns ziehen. 
"Noch zu warten ist Wahnsinn" hämmert in uns seinen Takt: war das nun wirklich richtig, die Teilhabe an der "Enthüllungsplattform aus der Zukunft" zu verweigern? 
Nie werden wir das wissen können! 
Doch Ausreden für Unterlassungs-Sünden sind jeweils zahlreich zur Stelle, wir müssen ja hin, zur großen Debatte, hinein ins CAMP, dem Labor und Amphi-Theater-Gestell für das TT-Begleit-Programm, in dem GEDACHT werden soll. Gedacht und Angedacht wird die KRISE (im Singular und im Plural) im LOOP, Jahr für Jahr zum TT! 
Ein wenig wehmütig denken wir an die gemütlichen Stunden, damals, vor vielen Jahren, im Spiegelzelt, in dem der gut gelaunte TT-Flaneur sein Weinchen trinken konnte, zu Musike und Kabarett. 
Nein, das Leben ist Anstrengung, das Theater ist es manchmal auch und die Debatten um Selbiges fordern geradezu Anstrengung als Muss. 
Nein, wir wollen uns da nicht drücken, wir leben in Zeiten der Krisen und denen kommen wir nur bei, wenn wir darüber sprechen. Erst vor wenigen Tagen wurde hier, im Camp des TT, die Krise der Kultur-Kritik beschworen, genauer gesagt, die Krise der Groß-Kritiken und mittlerweile auch der Klein-Kritiken und so weiter. Am Ende dieser Veranstaltung durften dann doch Einige aufatmen, denn resümierend heraus gekommen ist: 
Es gibt gar keine Krise der Kultur-Kritik. Höchstens eine Krise der dazu gehörigen Print-Medien. 

Wie gut, dass davon mal gesprochen war! In diese Richtung also gehen heimlich unser Hoffen und unser Wünschen und suchend schauen wir nach dem Schild, das uns zur Demokratie-Lehr-Stunde weisen will.

NOCH ZU WARTEN IST WAHNSINN

raunen uns Stimmen zu, es ist höchste Zeit, sich dem Thema zu widmen. Doch das CAMP steht verwaist, die geschlossene Glas-Tür bewacht ein Host. Wir haben uns, so erfahren wir von diesem Gentleman auf Anfrage, im Tag geirrt. 
Wir sind zu spät gekommen. Alle Mühe umsonst. 
"Noch zu Warten ist Wahnsinn gewesen" denken wir. Doch wir wollen dem Missmut den Raum verweigern, wenn wir die Krise der Demokratie heute nicht verhindern können, dann eben nicht.
Psychisch inzwischen ein wenig lädiert, lockt uns das grelle Pink der zur TT-Bar führenden Treppenstufen in lichte Höhen. Unser schwarzer Stiefel schwebt sekundenlang über einer Ameise, die fleißig ihren Weg zu gehen glaubt - NOCH ZU WARTEN IST WAHNSINN -, doch wir lassen sie ziehen.

"Bringt ja nix, den Frust am schwächsten Glied in der Kette abzulassen" sagt Paganini, der Kater.
"Und darauf ein Prost!" Das sagen wir, die Paganini´s-Redaktion.